Das OralAge und OralPace: Wissenschaftliche Grundlagen, Methodik und Grenzen

 

Unser Mundmikrobiom bleibt im Laufe des Lebens nicht gleich. Bestimmte bakterielle Gruppen werden mit zunehmendem Alter häufiger, andere seltener. Diese altersabhängigen Muster lassen sich mithilfe statistischer Modelle erkennen und nutzen, um das mikrobielle Profil einer Person mit dem von Menschen unterschiedlichen Alters zu vergleichen.

Genau darauf basieren OralAge und OralPace. Beide werden aus deinem Mundmikrobiom berechnet, beantworten aber unterschiedliche Fragen:

 

  • OralAge = Wie alt sieht mein Mundmikrobiom aus?

 

  • OralPace = Wie jung oder alt wirkt mein Mundmikrobiom im Vergleich zu Gleichaltrigen?

 

Zusammen ermöglichen beide Werte einen differenzierteren Blick auf die altersabhängigen Muster deines oralen Mikrobioms.

 

Was ist das OralAge?

Das OralAge ist eine statistische Schätzung deines biologischen Mundalters, die aus der Zusammensetzung deines oralen Mikrobioms berechnet wird. Grundlage ist ein Modell aus dem Bereich des maschinellen Lernens, das gelernt hat, aus der Häufigkeit bestimmter bakterieller Gattungen auf das Alter der Person zu schließen, von der die Probe stammt.

Diese Idee basiert auf einem inzwischen gut belegten wissenschaftlichen Befund: Die Zusammensetzung des oralen Mikrobioms verändert sich über die Lebensspanne hinweg auf eine Weise, die statistisch mit dem tatsächlichen Alter zusammenhängt. Ein Modell kann diese Muster erkennen und daraus eine Altersschätzung ableiten – ähnlich wie andere biologische „Uhren“, beispielsweise epigenetische Altersuhren, hier jedoch auf Basis des oralen Mikrobioms [Zha26, Zho25].

Ein OralAge von beispielsweise 45 Jahren bedeutet vereinfacht gesagt: Dein mikrobielles Profil ähnelt den Altersmustern, die das Modell bei Menschen um dieses Alter gelernt hat.

Dabei ist das OralAge keine exakte Bestimmung deines biologischen Alters und auch keine direkte Bewertung deiner Mundgesundheit. Es übersetzt altersabhängige Muster deines Mundmikrobioms in die intuitiv verständliche Einheit „Jahre“.

 

Was ist der OralPace?

Das OralAge allein erzählt allerdings noch nicht die ganze Geschichte. Denn ein geschätztes Mundalter von 45 Jahren hat für eine 30-jährige Person eine andere Bedeutung als für eine 50-jährige Person.

Genau hier setzt der OralPace an. Während das OralAge die Frage beantwortet: „Wie alt sieht mein Mundmikrobiom aus?“, beantwortet der OralPace die Frage: „Wie jung oder alt wirkt mein Mundmikrobiom im Vergleich zu Gleichaltrigen?“

Dafür wird dein mikrobielles Altersmuster mit den Ergebnissen von Menschen desselben tatsächlichen Alters verglichen. Ein OralPace von 0 entspricht dem für dein Alter typischen Bereich. Ein positiver Wert bedeutet, dass dein Mikrobiom älter erscheint als für dein Alter typisch, ein negativer Wert, dass es jünger erscheint.

 

Warum braucht es zwei Werte?

OralAge und OralPace beantworten zwei unterschiedliche Fragen und ergänzen sich dadurch.

Zwei Personen können beispielsweise beide ein OralAge von 55 Jahren haben. Ist eine Person selbst 35 Jahre alt, liegt dieses Ergebnis deutlich über dem für ihr Alter erwartbaren Bereich. Ist die andere Person 60 Jahre alt, kann dasselbe OralAge dagegen altersüblich oder sogar niedriger als erwartet sein.

Der OralPace ordnet das mikrobielle Altersmuster deshalb immer im Verhältnis zum tatsächlichen Alter und zu einer gleichaltrigen Referenzgruppe ein.

Die wissenschaftliche Grundlage 

 

Die Idee, aus oralen Mikrobiomdaten auf das Alter zu schließen, stützt sich auf wissenschaftliche Vorarbeiten, die diesen Zusammenhang in großen Bevölkerungsstichproben nachgewiesen haben:

  • Zhao et al. (2026): „Oral microbiome signatures predict biological age and host health“, Nature Communications 17, Art. 6032. Die Studie analysierte Mundspülproben von über 4.600 Teilnehmenden, identifizierte 64 altersabhängige bakterielle Gattungen und zeigte, dass ein daraus abgeleiteter „Oral Microbiome Aging Acceleration Score“ (OMAA) mit verschiedenen Gesundheitsparametern wie Sterblichkeit, Gebrechlichkeit und Nierenfunktion assoziiert war [Zha26]. 
  • Zhou et al. (2025): „Predicting age from binarized human oral microbial data combined with an ensemble of classifiers“, mSystems 10(11). Die Studie zeigte anhand von Speichelproben, dass sich Informationen über das chronologische Alter mithilfe verschiedener Machine-Learning-Verfahren aus dem oralen Mikrobiom ableiten lassen [Zho25]. 

Die Forschung zeigt damit: Das orale Mikrobiom enthält ein messbares Alterssignal. 

Auf Grundlage dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse haben wir unser eigenes Modell entwickelt und für die Anwendung auf unsere Proben weiter optimiert.

Wie unser Modell entsteht

 

  • Datenbasis: Unser Modell wurde mit einer umfangreichen Datenbasis von insgesamt 11.098 Proben trainiert. Die Trainingsdaten wurden auf den Altersbereich von 14,5 bis 69,5 Jahren beschränkt. Diese Eingrenzung stellt sicher, dass das Modell innerhalb eines klar definierten und ausreichend durch Daten abgedeckten Altersbereichs arbeitet.

 

  • Mikrobielle Merkmale: Als Eingabe dienen die gemessenen Häufigkeiten von 173 bakteriellen Gattungen – genau jene Gattungen, die sowohl in den verwendeten Trainingsdaten als auch mit unserem eigenen Laborverfahren konsistent erfasst werden können. Diese bewusste Einschränkung stellt sicher, dass das Modell mit denselben mikrobiellen Merkmalen arbeitet, die es auch bei einer neuen Probe zuverlässig vorfindet.

 

  • Qualitätskriterien: Eine Probe wird nur bewertet, wenn sie definierte Qualitätskriterien erfüllt, darunter eine ausreichende Anzahl an Sequenzierungs-Reads und nachgewiesenen bakteriellen Gattungen. Proben werden dagegen nicht allein aufgrund oraler Erkrankungen wie Parodontitis oder Karies ausgeschlossen. Solche Zustände gehören zur realen Vielfalt menschlicher Mundmikrobiome. Ein Modell, das ausschließlich an „gesunden“ Proben trainiert würde, könnte die Bevölkerung, auf die es später angewendet wird, nur eingeschränkt abbilden.

 

  • Das Modell: Es handelt sich um ein Gradient-Boosting-Modell – ein Verfahren des maschinellen Lernens, bei dem viele aufeinander aufbauende Entscheidungsbäume miteinander kombiniert werden. Unser Modell umfasst 2.000 solcher Entscheidungsbäume. Dadurch kann es auch komplexe Zusammenhänge zwischen den gemessenen bakteriellen Häufigkeiten und dem Alter erkennen.

 

  • Anpassung an unser Labor: Mikrobiomdaten können durch Unterschiede bei Probenverarbeitung, Sequenzierung und bioinformatischer Auswertung zwischen Laboren leicht systematisch verschoben sein. Deshalb wurde das Modell zusätzlich anhand von Referenzproben bekannten Alters aus unserem eigenen Labor an unsere Messbedingungen angepasst. Darüber hinaus wird beim OralAge ein typischer Effekt statistischer Altersschätzungen berücksichtigt: Jüngere Personen werden von solchen Modellen häufig etwas älter und ältere Personen etwas jünger geschätzt. Das ausgegebene OralAge wird deshalb altersabhängig kalibriert, damit dieser bekannte statistische Effekt die Interpretation möglichst wenig verzerrt.

Wie genau ist das OralAge?

Wie alle biologischen Altersschätzungen ist auch das OralAge mit statistischer Unsicherheit verbunden. Deshalb verstehen wir es bewusst als Orientierungswert und nicht als exakte Altersmessung. Das zugrunde liegende Modell wurde an mehr als 2.200 unabhängigen Proben überprüft, die weder zum Training des Modells noch zum Aufbau der Referenz verwendet wurden. Damit lässt sich überprüfen, ob das Modell die erlernten Zusammenhänge auch bei zuvor unbekannten Proben wiedererkennt.

Für die Anwendung bei MyOralAge wird die Altersschätzung zusätzlich an unsere Laborbedingungen angepasst und altersabhängig kalibriert. Bei Referenzproben bekannten Alters aus unserem eigenen Labor lag die mediane Abweichung des so berechneten OralAge bei 4,7 Jahren. Wichtig ist außerdem: Die Genauigkeit ist nicht in jedem Alter gleich. Im mittleren Altersbereich sind die Schätzungen genauer als an den Rändern des trainierten Altersbereichs. Auch deshalb sollte das OralAge immer als statistische Schätzung mit einer gewissen Unsicherheit verstanden werden.

 

Und wie genau ist der OralPace?

Beim OralPace lässt sich die Genauigkeit nicht auf dieselbe Weise in „Jahren Abweichung“ ausdrücken. Denn der OralPace versucht nicht, ein bestimmtes Alter vorherzusagen. Stattdessen beschreibt er, wo dein mikrobielles Altersmuster im Vergleich zu Menschen deines Alters liegt. Dafür wurde anhand einer großen Referenzpopulation bestimmt, welche Modellwerte bei Menschen unterschiedlichen Alters typischerweise auftreten. Dein Ergebnis wird anschließend innerhalb der Referenz für dein Alter eingeordnet. Für den OralPace ist daher nicht entscheidend, ob das Modell dein tatsächliches Alter auf das Jahr genau trifft. Entscheidend ist vielmehr, wie dein mikrobielles Profil im Vergleich zu Gleichaltrigen einzuordnen ist.

 

Misst der OralPace, wie schnell dein Mundmikrobiom altert?

Der Name „OralPace“ beschreibt anschaulich die Idee einer langsameren oder schnelleren mikrobiellen Alterung. Wissenschaftlich wichtig ist jedoch: Aus einer einzelnen Probe lässt sich keine tatsächliche Alterungsgeschwindigkeit messen. Ein niedriger OralPace-Wert bedeutet, dass dein Mundmikrobiom im Vergleich zu Menschen deines Alters ein eher jüngeres mikrobielles Altersmuster aufweist. Das kann als positives Zeichen für ein stabiles und widerstandsfähiges orales Ökosystem gewertet werden. Ein höherer Wert deutet dagegen auf ein eher älteres mikrobielles Muster hin und kann auf Prozesse hindeuten, die mit einer beschleunigten mikrobiellen Alterung vereinbar sind.

Der OralPace beschreibt damit zunächst eine Momentaufnahme deiner aktuellen Position im Vergleich zu einer gleichaltrigen Referenzgruppe. Ein einzelner Wert beweist nicht, dass dein Mikrobiom tatsächlich schneller oder langsamer altert.

Besonders interessant wird die Analyse deshalb im Verlauf: Wiederholte Tests können zeigen, ob und wie sich dein persönliches mikrobielles Altersmuster über die Zeit verändert.

Was OralAge und OralPace können – und wo ihre Grenzen liegen

 

  • Sie messen mikrobielles Alter, nicht direkt Mundgesundheit. Eine bakterielle Gattung fließt in das Modell ein, weil ihre Häufigkeit statistisch mit dem Alter zusammenhängt. Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Gattung für eine bessere oder schlechtere Mundgesundheit steht. Ein biologisch jüngeres Mundalter ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für ein gesundes Mikrobiom. Umgekehrt bedeutet ein höheres biologisches Mundalter nicht zwingend, dass dein Mikrobiom gestört ist. Für die Beurteilung deiner mikrobiellen Mundgesundheit werden deshalb weitere Parameter deines MyOralAge-Berichts betrachtet.

 

  • OralAge und OralPace sind statistische Werte. Wie alle biologischen Altersmarker enthalten sie Unsicherheit. Ein positiver OralPace ist kein Alarmsignal und ein negativer Wert keine Garantie für einen besonders gesunden Zustand.

 

  • Das Modell hat einen definierten Altersbereich. OralAge und OralPace sind für den Bereich von 14,5 bis 69,5 Jahren validiert. Ergebnisse außerhalb dieses Bereichs können nicht genauso interpretiert werden wie Ergebnisse innerhalb des validierten Altersbereichs.

 

  • Die Referenzpopulation ist nicht identisch mit jedem einzelnen Menschen. Der OralPace vergleicht dein Ergebnis mit der Referenzpopulation, auf deren Grundlage das Modell entwickelt wurde. Individuelle und populationsbezogene Unterschiede können dabei eine Rolle spielen.

 

  • Das Modell wird kontinuierlich überprüft und weiterentwickelt. Mit zusätzlichen Referenzproben und neuen Datensätzen können insbesondere die Anpassung an unsere Laborbedingungen und die Aussagekraft des Modells weiter untersucht und optimiert werden.

Warum wiederholte Messungen besonders interessant sind 

Eine einzelne Analyse ist zunächst eine Momentaufnahme deines Mundmikrobioms. Besonders interessant wird sie deshalb im Verlauf. Wiederholte Messungen können sichtbar machen, ob und wie sich dein mikrobielles Profil verändert und wie sich OralAge und OralPace dabei entwickeln. Eine Veränderung der Werte beweist dabei nicht automatisch, dass eine bestimmte Maßnahme deine biologische Alterung beschleunigt oder verlangsamt hat. Ernährung, Mundhygiene, Medikamente, Erkrankungen und weitere Faktoren können das orale Mikrobiom beeinflussen. Der Verlauf kann aber eine zusätzliche Perspektive darauf geben, ob und in welche Richtung sich dein persönliches mikrobielles Profil verändert.

Wie du dein Ergebnis einordnen solltest

OralAge und OralPace betrachten dasselbe biologische Alterssignal aus zwei unterschiedlichen Perspektiven:

 

  • Das OralAge übersetzt die Zusammensetzung deines Mundmikrobioms in ein geschätztes biologisches Mundalter in Jahren.

 

  • Der OralPace setzt dein mikrobielles Altersmuster in Beziehung zu deinem tatsächlichen Alter und zeigt, wo du im Vergleich zu Gleichaltrigen liegst.

 

Beide Werte sind als Orientierung zu verstehen – nicht als exakte Messung oder abschließendes Urteil über deine Mundgesundheit. Ein niedrigeres OralAge oder ein negativer OralPace bedeuten nicht automatisch „gesund“, genauso wenig bedeuten ein höheres OralAge oder ein positiver OralPace automatisch „ungesund“. Erst gemeinsam mit den weiteren Ergebnissen deines Mikrobiom-Berichts entsteht ein umfassenderes Bild.

OralAge und OralPace ersetzen keine ärztliche oder zahnärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei Fragen zur Einordnung deines persönlichen Ergebnisses steht dir unser Wissenschaftsteam im Rahmen eines Beratungsgesprächs zur Verfügung.

[Zha26] Zhao et al., „Oral microbiome signatures predict biological age and host health,“ Nature Communications, vol. 17, Art. 6032, 2026.

[Zho25] Zhou et al., „Predicting age from binarized human oral microbial data combined with an ensemble of classifiers,“ mSystems, vol. 10, no. 11, 2025.

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