2019 sorgte eine Studie für Schlagzeilen weit über die Fachwelt hinaus: Forscher fanden Gingipaine – spezielle Eiweiß-spaltende Enzyme, die von Porphyromonas gingivalis – dem Leitbakterium der Parodontitis – gebildet werden, und die DNA ebendieses Bakteriums in untersuchten Alzheimer-Gehirnen. Im Mausmodell führte eine orale Infektion mit diesem Bakterium zudem zu Veränderungen, die mit Alzheimer-typischen Ablagerungen und Neuroinflammation in Verbindung gebracht wurden [Dom19]. Seitdem taucht „Mundbakterien verursachen Alzheimer“ regelmäßig in Schlagzeilen auf.
Die eigentliche Studienlage ist allerdings deutlich differenzierter – und genau das macht sie für eine faktenbasierte Longevity-Perspektive interessant.
Denn: Dasselbe Bakterium wurde auch in einem Teil kognitiv gesunder Kontrollgehirne gefunden [Dom19, Par21b]. Der Nachweis eines Bakteriums oder seiner Bestandteile im Gehirn beweist deshalb noch nicht, dass es Alzheimer verursacht. Aktuelle Übersichtsarbeiten kommen zu einem vorsichtigeren Schluss: Ein Zusammenhang ist biologisch plausibel und wird durch verschiedene Befunde gestützt – eine direkte Kausalität beim Menschen ist bislang aber nicht bewiesen [Jun22, Par21b].
Wie der Mund das Gehirn beeinflussen könnte
Wie könnte eine Entzündung im Mund überhaupt das Gehirn erreichen? Die Forschung diskutiert mehrere mögliche Wege, die sich gegenseitig ergänzen können.
Systemische Entzündung und Immunsignale: Parodontitis erzeugt eine große, chronisch entzündete Schleimhautfläche. Von dort können Entzündungsbotenstoffe (z.B. Zytokine, Akute-Phase-Proteine, bakterielles Lipopolysaccharid und Vesikel) in den Blutkreislauf gelangen und das Immunsystem im ganzen Körper aktivieren. Möglicherweise beeinflusst diese anhaltende Entzündungsreaktion auch die Immunzellen des Gehirns (Mikroglia), ohne dass Bakterien selbst dauerhaft ins Hirngewebe eindringen müssen.
Bakterien, Vesikel und die Blut-Hirn-Schranke: Auch ein direkter Weg wird untersucht. Bakterien können bei einer Parodontitis vorübergehend in die Blutbahn gelangen. Ob und in welchem Außmaß sie beim Menschen tatsächlich ins Gehirn gelangen, ist allerdings schwer zu berurteilen – DNA-Spuren können auch durch spätere Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke erklärt werden. Eine aktuelle Studie zeigte jedoch, dass winzige von Bakterien freigesetzte Bläschen (Vesikel) im Mausmodell die Blut-Hirn-Schranke überwinden und deren Durchlässigkeit erhöhen können [Ela24]. Das macht den Mechanismus biologisch interessant, beweist aber noch keinen entsprechenden Ablauf beim Menschen.
Die Mund-Darm-Hirn-Achse: Ein weiterer Weg führt über den Darm. Der Mund liefert dem Verdauungstrakt zum Beispiel durch das Schlucken von Speichelständig neue Mikroben. Bei Parodontitis oder Darmentzündung kann sich diese Übertragung verstärken [Sch18, Kag23]. Bei Parkinson zeigen orale und Darm-Mikrobiota koordinierte Veränderungen – in einer Studie gingen beispielsweise mehr Lactobacillen im Mund mit weniger Faecalibacterium im Darm einher. Außerdem wurden dann mehr opportunistischen Keime, also solche, die unter normalen Bedingungen harmlos sind, aber bei einem geschwächten Immunsystem Probleme machen können, im Darm gefunden [Jo22, Cla24]. Allerdings handelt es sich dabei überwiegend um Beobachtungsdaten: Sie zeigen einen Zusammenhang, können aber nicht klären, was Ursache und was Folge ist. Auch Ernährung, Medikamente und eingeschränkte Beweglichkeit können das Mikrobiom beeinflussen.
Kognitiver Abbau und Demenz: Zusammenhang vorhanden, Effekt eher klein
Die größte Evidenzbasis betrifft nicht das Mundmikrobiom direkt, sondern Parodontitis und Mundgesundheit allgemein. In der ARIC-Kohorte wurden 8.275 Erwachsene über durchschnittlich 18,4 Jahre begleitet. Schwere Parodontitis oder Zahnlosigkeit war dabei mit einem etwa 20 % höheren Demenzrisiko verbunden – auch nachdem zahlreiche Einflussfaktoren wie sozioökonomischer Status, Lebensstil, Gefäßrisiken und Genetik berücksichtigt wurden [Dem20]. Eine Metaanalyse von 47 Langzeitstudien bestätigt grundsätzlich diesen Zusammenhang, zeigt aber deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Studien: Das Demenzrisiko war insgesamt etwa 21 % höher, das Risiko für kognitiven Abbau etwa 23 % höher. Die Sicherheit der Gesamtevidenz wurde allerdings als niedrig eingestuft [Ash22].
Wichtig für die Einordnung: Eine neuere finnische Kohortenstudie mit Dauer über ein Jahrzehnt fand zwar Zusammenhänge zwischen Parodontitis und dem Abbau einzelner kognitiver Fähigkeiten (Gedächtnis, Wortflüssigkeit), aber keinen Zusammenhang mit diagnostizierter Demenz, sobald frühe, noch unentdeckte Demenzfälle herausgerechnet wurden [Ash25]. Das spricht für eine umgekehrte Ursache-Wirkung: Nicht nur eine schlechte Mundgesundheit könnte den kognitiven Abbau beeinflussen – beginnende kognitive Veränderungen könnten umgekehrt auch dazu führen, dass Mundpflege und Zahnarztbesuche vernachlässigt werden. Auch andere große Studien zeichnen kein einheitliches Bild: Eine schwedische Registerstudie fand keinen Zusammenhang zwischen tiefen Zahnfleischtaschen und dem späteren Auftreten von Demenz [Hol22], während eine koreanische Kohorte mit über 2,5 Millionen Erwachsenen kleine Risikoerhöhungen fand – mit dem Hinweis, dass regelmäßiges Zähneputzen und professionelle Reinigung mit niedrigerem Risiko einhergingen [Yoo23].
Alzheimer: die stärkste mechanistische Datenlage – mit Einschränkungen
Bei Alzheimer ist die Befundlage besonders dicht. Prospektive Studien fanden, dass Antikörper gegen parodontale Bakterien Jahre vor einer späteren Diagnose erhöht sein können [Ste12, Nob14]. Auch bei kognitiv gesunden älteren Menschen wurden Zusammenhänge zwischen schlechterer Zahnfleischgesundheit und Alzheimer-typischen Veränderungen im Gehirn beobachtet. So war ein stärkerer Attachmentverlust – also ein Rückgang der Verankerung des Zahnfleisches am Zahn, wie er bei fortgeschrittener Parodontitis auftreten kann – mit einer höheren Amyloid-Last im Gehirn verbunden. Als Amyloid bezeichnet man Eiweißablagerungen, die sich bei Alzheimer im Gehirn ansammeln können. In der Studie wurde diese Ablagerung mithilfe eines PET-Scans sichtbar gemacht [Kam14]. Auch das Mundmikrobiom zeigte einen Zusammenhang mit einem Alzheimer-relevanten Marker. Ein verändertes Bakterienprofil war mit niedrigeren Aβ42-Werten in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) verbunden [Kam21]. Aβ42 ist eine Form des Amyloid-Proteins. Sinkt dieser Wert im Liquor, kann das darauf hindeuten, dass sich mehr Amyloid im Gehirn ablagert und dort gebunden wird.
Beide Befunde sind deshalb interessant, weil sie eine Verbindung zwischen der Mundgesundheit und biologischen Veränderungen herstellen, die mit Alzheimer in Verbindung stehen – sie beweisen aber nicht, dass die Mundgesundheit diese Veränderungen verursacht.
Die bereits erwähnte P.-gingivalis-Studie bleibt einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Befunde. Denn das Bakterium wurde nicht nur in Alzheimer-Gehirnen, sondern auch bei Menschen ohne Demenz nachgewiesen. Außerdem stammen die Untersuchungen am Menschen aus Gewebeproben nach dem Tod und zeigen damit nur eine Momentaufnahme. Aktuelle Übersichtsarbeiten sehen P. gingivalis deshalb eher als möglichen Einflussfaktor bei besonders anfälligen Menschen – nicht als allgemeine Ursache von Alzheimer [Jun22, Par21b]. Hinzu kommt eine grundlegende Einschränkung vieler Beobachtungsstudien: Menschen mit Parodontitis unterscheiden sich häufig auch in anderen Faktoren von Menschen mit gesunder Mundsituation. Eine systematische Übersicht zeigte, dass etwa die Hälfte der untersuchten Studien solche möglichen Störfaktoren – sogenanntes Confounding – nur unzureichend berücksichtigt hatte [Nas23]. Erste Interventionsstudien liefern dennoch interessante Signale. Ein 24-wöchiges Mundgesundheitsprogramm bei Menschen mit leichter Alzheimer-Demenz sowie eine 12-jährige Kohortenstudie, in der Menschen mit und ohne Zahnfleischbehandlung verglichen wurden, fanden Hinweise auf mögliche Vorteile für die kognitive Gesundheit [Che22c, Qi24].
Parkinson: veränderte Mundflora, aber (bislang) keine kausale Rolle
Bei Parkinson zeigt sich ein anderes Bild als bei Alzheimer. Eine Metaanalyse von 2023 fand bei Menschen mit Parkinson zwar deutlich häufiger eine schlechtere Mund- und Zahnfleischgesundheit – darunter tiefere Zahnfleischtaschen, stärkeren Attachmentverlust und Mundtrockenheit. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Parodontitis und einem späteren Parkinson-Risiko fand sie jedoch nicht [Che23e]. Auch genetische Analysen konnten bislang keinen klaren kausalen Zusammenhang zeigen [Bot20, Che23e]. Vieles spricht deshalb dafür, dass die schlechtere Mundgesundheit bei Parkinson zumindest teilweise eine Folge der Erkrankung sein könnte. Tremor und eingeschränkte Beweglichkeit können die tägliche Mundpflege erschweren, während Schluckstörungen, Mundtrockenheit durch Medikamente und weitere krankheitsbedingte Veränderungen die Bedingungen im Mund zusätzlich beeinflussen können.
Spannend ist dagegen eine andere Frage: Könnte die Mundflora dabei helfen, Parkinson früher zu erkennen? Ein großes metagenomisches Projekt mit 445 Menschen mit Parkinson und 221 Kontrollen identifizierte eine reproduzierbare Zusammensetzung der Mundbakterien, mit der sich Parkinson und Kontrollen mit einer AUC von etwa 0,76 unterscheiden ließen [Sta24]. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Anhand des oralen Mikrobioms ließ sich in dieser Studie ein Unterschied zwischen den Gruppen erkennen.
Speichel und Mundmikrobiom könnten damit künftig als einfach zugängliche Biomarker interessant werden. Wichtig ist aber die Unterscheidung: Ein Mikrobiom-Muster, das Menschen mit Parkinson von gesunden Personen unterscheidet, sagt noch nichts darüber aus, ob diese Veränderungen zur Entstehung der Erkrankung beitragen. Es könnte genauso gut eine Folge von Parkinson, Medikamenten, Ernährung oder veränderter Mundpflege sein.
Schlaganfall und vaskuläre Demenz
Für Schlaganfall ist die Datenlage interessanter als bei Parkinson. In der ARIC-Kohorte war eine schwere Parodontitis mit einem höheren Risiko für bestimmte Formen des ischämischen Schlaganfalls verbunden, insbesondere für kardioembolische und thrombotische Schlaganfälle. Regelmäßige Zahnarztbesuche waren dagegen mit einem niedrigeren Schlaganfallrisiko verbunden [Sen18].
Auch Untersuchungen des Gehirns liefern Hinweise auf einen Zusammenhang. In einer MRT-Studie mit 468 älteren Erwachsenen war eine stärker ausgeprägte Parodontitis mit einem geringeren Volumen bestimmter Hirnregionen und einer dünneren Großhirnrinde verbunden. Außerdem hatten Menschen mit mehr eigenen Zähnen im Durchschnitt weniger Hirninfarkte und weniger Veränderungen der weißen Hirnsubstanz [Rub24].
Wie genau diese Zusammenhänge entstehen, ist noch nicht geklärt. Eine mögliche Erklärung ist, dass die chronische Entzündung bei Parodontitis zur allgemeinen Entzündungs- und Gefäßbelastung des Körpers beiträgt. Gleichzeitig teilen Parodontitis und Schlaganfall wichtige Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes und andere kardiovaskuläre Faktoren. Deshalb lässt sich aus diesen Studien nicht ableiten, dass Parodontitis direkt einen Schlaganfall verursacht.
Was die Grenzen der Evidenz sind
Eine wichtige Gegenprobe liefert eine 2024 veröffentlichte bidirektionale Mendelian-Randomization-Studie. Sie fand keinen robusten genetischen Hinweis darauf, dass Parodontitis Hirnatrophie, kognitive Beeinträchtigungen oder verschiedene Demenzformen verursacht [Den24]. Das spricht gegen einen großen, universellen kausalen Effekt.
Kleinere oder nur unter bestimmten Bedingungen auftretende Zusammenhänge sind damit jedoch nicht ausgeschlossen. Gerade bei einer so komplexen Verbindung wie der Mund-Hirn-Achse könnten Alter, genetische Faktoren, Gefäßgesundheit oder die konkrete Zusammensetzung des Mikrobioms eine Rolle spielen.
Damit bleibt die wichtigste Erkenntnis: Die Verbindung zwischen Mund- und Gehirngesundheit ist wissenschaftlich interessant und durch viele Beobachtungen gestützt – wie groß der tatsächliche Einfluss des Mundes auf das Gehirn ist, wissen wir aber noch nicht.
Warum das für deine Longevity-Strategie relevant ist
Die Mund-Hirn-Achse ist kein Grund für Alarmismus – aber ein guter Grund, die eigene Mundgesundheit nicht aus dem Blick zu verlieren. Wenn du bereits Schlaf, Blutdruck, Stoffwechsel- und andere Gesundheitswerte beobachtest, kann eine Analyse des Mundmikrobioms ein zusätzliches Puzzleteil liefern: Sie zeigt, welche Bakterien in deinem Mund besonders stark vertreten sind und ob sich darunter vermehrt parodontitisassoziierte Arten finden. Besonders spannend ist, dass bestimmte Muster des Mundmikrobioms mit Unterschieden in der kognitiven Leistungsfähigkeit zusammenhängen. Bei älteren Menschen mit Alzheimer-Familienanamnese war beispielsweise ein höherer Anteil bestimmter Parodontitis-Bakterien wie Parvimonas, Treponema und Filifactor mit einer geringeren kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden [Adn25].
Das macht solche Muster wissenschaftlich interessant – aber noch nicht zu einem Diagnose- oder Vorhersagetest. Für deine persönliche Longevity-Strategie kann ein Mundmikrobiom-Test vielmehr einen Bereich sichtbar machen, der bei klassischen Gesundheitschecks meist kaum erfasst wird. Zeigt sich dabei eine auffällige bakterielle Zusammensetzung, kann das ein Anlass sein, die eigene Mundgesundheit genauer anzuschauen und gegebenenfalls zahnmedizinisch abklären zu lassen.
Denn vielleicht liegt im Mund ein Teil der Gesundheitsgeschichte, den Blutwerte, Schlaftracker und andere klassische Messungen bisher übersehen.
Fazit
Die Mund-Hirn-Achse ist wissenschaftlich interessant, aber deutlich komplexer, als manche Schlagzeilen vermuten lassen. Am besten belegt ist der Zusammenhang zwischen schlechter Mundgesundheit und Schlaganfall; auch für kognitiven Abbau und Demenz gibt es Hinweise, allerdings mit moderaten und uneinheitlichen Effekten. Bei Alzheimer sind die mechanistischen Befunde rund um P. gingivalis besonders spannend, ein kausaler Zusammenhang beim Menschen ist aber nicht bewiesen. Bei Parkinson zeigen sich deutliche Veränderungen der Mundgesundheit und des Mundmikrobioms – bislang gibt es jedoch keinen überzeugenden Beleg dafür, dass sie die Erkrankung verursachen.
Die praktische Konsequenz ist deshalb nicht, sich vor bestimmten Mundbakterien zu fürchten. Vielmehr lohnt es sich, die Mundgesundheit als Teil der eigenen langfristigen Gesundheitsstrategie ernst zu nehmen. Ein Mundmikrobiom-Test kann dabei einen zusätzlichen Blick auf das mikrobielle Ökosystem im Mund ermöglichen – und damit auf einen Bereich, der in vielen Standarduntersuchungen bislang unsichtbar bleibt.
Denn wenn du verstehen willst, wie dein Körper altert, lohnt sich vielleicht auch ein Blick auf das Ökosystem, mit dem jeder Tag beginnt: deinen Mund.
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